Kluge Städte werden digitale Wirtschaftsunternehmen

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Kluge Städte werden digitale Wirtschaftsunternehmen
Deutsche Leitkultur Blog by Christian Raum
Berlin, November 30th 2017

Die Smart City gilt als das Modell der Stadt, in der wir in Zukunft leben sollen. Aber im wirklichen Leben macht das Konzept bisher nur wenig Fortschritte. Jetzt könnten neue Devices, neue Geschäftsmodelle und dazu gehörigen Big-Data-Anwendungen eine Wende bringen. Das ist auch dringend nötig – denn in 90 Städten ist die Luft so schwer mit Abgasen belastet, dass sie Klagen der EU-Kommission und ein richterliches Fahrverbot für Dieselfahrzeuge fürchten. So kann der sogenannte „Kommualfonds“ in Höhe von einer Milliarde Euro eine Anschubfinanzierung für Smart Cities  sein. Doch Deutschland hinkt bei der Umsetzung der Modelle weit hinter anderen Ländern her.

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Dagegen sind in China, Saudi Arabien, England oder auch Mexiko viele Städte bereits auf dem Weg zur Digitalisierung, zur Elektromobilität und der damit erhofften höheren Lebensqualität. Denn innerhalb der kommenden zwanzig Jahre könnte die Zahl der Einwohner in Städten bis auf fünf Milliarden Menschen steigen. Damit verbunden ist eine riesige Anstrengung, diese Menschen und ihr tägliches Leben zu managen. So stellen sich heute viele Städte für den Wettbewerb der Zukunft auf – welcher Stadt wird es gelingen mit ihren digitalen Konzepten die Reichen, die Gebildeten, die Motivierten anzuziehen  und so im Kampf der Metropolen in Führung zu gehen.

Die Smart-City-Revolution beginnt auf der Straße. Denn Straßenlaternen könnten die Devices sein, die der klugen Stadt zum Durchbruch verhelfen. Tatsächlich hat die smarte Straßenlaterne mit einer analogen Straßenlampe so viel gemeinsam, wie ein 70iger Jahre Wählscheibentelefon mit einem Samsung S8. Klar ist – die smarte Straßenlaterne leuchtet. Allerdings mit LED-Lampen, die viel weniger Strom benötigen als ihre Vorgänger. Die digitale Straßenlaterne hat einen Stromanschluss für das Laden von Elektroautos integriert. Sie verfügt über Kamera, Mikrofone, Sensoren, Sonnenkollektoren, öffentliche WLAN-Router.

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Oben auf der Straßenlaterne kann eine Miniaturhelikopterplattform montiert sein, auf der die Drohnen von Polizei oder Feuerwehr starten und landen.

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Die neue Straßenlaterne liefert Datenströme und Videos an die Rechenzentren der Smarten Stadt. Big-Data-Systeme werten sie aus und stellen die Daten für eine Fülle von Anwendungen bereit: Von der Verkehrsüberwachung, über Kontrolle der Luftqualität bis zu Rettungseinsätzen oder dem sogenannten „Mood Mapping“.

„In den kommenden zehn Jahren werden weltweit zwischen 70 und 80 Millionen Smarte Straßenlampen installiert“, hat Eric Woods, Research Director, Navigant Research berechnet. „Das ist eine große Chance für Kommunen und auch für kleine Städte ein Netz von Sensoren und Kameras zu bauen, die eine Grundlage für zukünftige Smart Cities und Regionen sein werden.“ Der Wechsel zur smarten Straßenbeleuchtung wird von der EU-Verordnung 245/2009 unterstützt. Die alten, traditionellen Straßenlaternen sind zum Teil seit mehr als 70 Jahren in Betrieb. Seit 2013 müssen sie gegen LED-Lampen ausgetauscht werden. In Europa liegt der Bedarf bei rund 14 Millionen Straßenlaternen, die in den nächsten zehn Jahren ersetzt und ausgetauscht und neu installiert werden.

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Und natürlich fördert die EU in verschiedenen Programmen und Leuchtturmprojekten die Digitalisierung von Städten, Straßen und Regionen. Das Ziel sei es laut Svetoslav Mihaylov, Policy Officer für Smart Cities and Sustainability bei der Europäischen Kommission, die Städte im internationalen Wettbewerb zu stärken. Als wichtige Projekte der Europäischen Union nennt er Florenz und Granada.

Der weltweite Wettbewerb der smarten Städte ist hart. Denn viele Unternehmen verstehen die Digitalisierung als einen Standortvorteil, den sie explizit suchen und nutzen. Eine gute Platzierung in einer der von EU, Universitäten oder Consulting-Firmen veröffentlichten Listen zieht Investoren und Industrien in die erwähnten Städte. Mit ihnen kommen neue Einwohner, neues Knowhow und frisches Geld. Doch bei der Durchsicht der Listen wird schnell klar, dass ausgerechnet Deutschlands Städte bei der Digitalisierung hinterher hinken. „In Deutschland gibt es keine Stadt, die international Vorbildcharakter für die urbane Digitalisierung der Zukunft hat. Deutschland schafft es nicht einmal in die Top 20 des EU Smart City Rankings der TU Wien und TU Delft“, erklärt der ITK-Branchenverband BITKOM.

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Dagegen vermittelt Großbritannien ein völlig anderes, positives Bild. Hier ist die Digitalisierung der Städte ein wichtiges Ziel der Regierung. Für das Konzept „CityVerve“ baut die Stadt Manchester gemeinsam mit BT einen sogenannten „Innovation Corridor“ auf. Innerhalb der nächsten zwei Jahre solle das neue Netzwerk Gebäude mit mehr als 60.000 Arbeitsplätzen verbinden – sowie die Räume der Universität, die von etwa 72.000 Studenten genutzt werden, sagt Chris Bruce, Direktor bei BT Global Services und Co-Chairman des Connected City Advisory Boards. „Wir statten Straßen, Autos, Busse, Menschen und Parks mit Sensorik aus. Die Anwendungen im Rechenzentrum verfolgen, analysieren und steuern das Leben und den Verkehr auf dem Korridor rund um die Uhr.“ Die britische Regierung träumt von CityVerve als Exportschlager. „Das Projekt in Manchester wird Großbritannien bei der Umsetzung von Internet-of-Things-Technologien weltweit eine führende Rolle bringen. Andere Städte rund um die Welt werden von uns inspiriert werden“, sagte Ed Vaizy im Jahr 2015, als damaliger Minister of State for Culture, Communication and Creative Industries.

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Die Disziplinen im internationalen Wettbewerb der Städte sind Lebensqualität, Nachhaltigkeit, Sicherheit, Gesundheit, Mobilität, der Wechsel zur Elektromobilität, Bildung. Smarte Städte wollen vor allem für hochgebildete Arbeitnehmer und Akademiker attraktiv sein. Mit ihnen wollen sie Knowhow und neue Technologie in die Städte ziehen. Das Interesse der Städte ist es, ihren eigenen Wert zu maximieren: Steigende Grundstückspreise und steigende Einkommen versprechen sprudelnde Steuereinahmen. Das sind die Geschäftsmodelle, die viele Bürgermeister gemeinsam mit ihren IT-Verantwortlichen verfolgen.

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Die Stadt wird ein digitalisiertes Wirtschaftsunternehmen. Und das Geschäftsmodell insbesondere der Smarten Stadt basiert auf der prognostizierten Industrie-4.0-Revolution: Automatisierung, Digitalisierung, Ende der fossilen Brennstoffe. Ein Blick nach Saudi Arabien zeigt, wie Alaa Nassif, CEO der Royal Commission in Yanbu, die ihm anvertraute Stadt komplett für die neue Ära umbaut. Bislang war Yanbu als einer der wichtigsten Ölhäfen in Saudi Arabien bekannt. „Doch wir planen schon seit Jahren für die Zeit nach der Ölindustrie. Für die Zeit in der die heutigen Arbeitsplätze in Raffinerien und Hafenanlagen von Supertankern nicht mehr zur Verfügung stehen“, sagt Nassif.

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Nassif nennt Yanbu die „Stadt der Weisheit“. Denn sie manage mit einem elektronischen Gehirn seine Einwohner und seine Industrien. Nach Darstellung Nassifs verhilft die „digitalisierte Stadt ihren Einwohnern zu Wohlstand und Glück“. Die für alle Einwohner sichtbaren Veränderungen dieser neuen Zeit sind auch hier die smarten LED-Straßenlaternen, die tausende Ladestationen für Elektroautos anbieten – und die gesamte Stadt mit den eingebauten Kameras überwachen. „Kameras und Licht bringen einen messbaren Rückgang der Kriminalität. Die Laternen machen die Stadt mit einem Schlag viel sicherer“, ist Nassif sicher.

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Doch Straßenlaternen sind nur ein sehr kleiner Teil des gesamten Smart-City-Kuchens. Rodger Lea, CEO, Sense Tecnic, schreibt in einem Whitepaper für das IEEE über ein Marktvolumen von bis zu 700 Milliarden Dollar. Um diesen Betrag konkurrieren vor allem die bekannten Industriegiganten wie IBM, Siemens, SAP, BT, Cisco, Microsoft oder Huawei.

„Die Herangehensweise an die Digitalisierung der Städte ist in China anders als im Westen“, sagt Joe So, CTO, Marketing und Solution Department, Huawei Enterprise Group. Huawei spreche von der „intelligenten Stadt“, deren Aufgabe es sei, die Einwohner glücklich zu machen. Aus seiner Sicht seien die Key-Performance-Indikatoren Sicherheit, Sauberkeit, das digitale Management von Einwohnern und Industrie. Die im Westen im Vordergrund stehenden Ziele wie Elektromobilität, Verkehrsmanagement, Nachhaltigkeit, Gebäudemanagement oder Gesundheit kämen von selber, wenn nur die vier tragenden Säulen funktionierten. Huawei vergleiche die Stadt mit einem menschlichen Körper. Eine intelligente Stadt habe ein Gehirn, sie ist mit Nervensträngen durchzogen, sie hat Sensorik, Augen, Ohren und arbeite mit digitalen Werkzeugen. Im IOC – „Intelligent Operation Center“ – laufen alle Daten zusammen. Hier werden sie mit Big-Data-Anwendungen ausgewertet und in den Gesamtzusammenhang gestellt.

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Die auf diese Weise „intelligent“ gemachte Stadt wird von chinesischen Experten mit menschlichen Attributen beschrieben. Sie ist „klug“, „glücklich“, „vorrausschauend“, „weise“ oder eben „intelligent“.

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Doch wie viel sind alle diese Bemühungen wert, wenn die Verantwortlichen keine Rückmeldung von ihren Einwohnen bekommen. Auf der Suche nach einem Feedback aus der Stadt, mit dem der Erfolg in der Disziplin „Glücklich“ gemessen werden kann, hat sich Chan Dongping, President of Big Data Research Institute of Smart City Shenzhen auf die Psychologie der Stadt konzentriert. Und auch hier steht der Mensch Modell für die Digitalisierung.

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Das „Mood Mapping“ einer Stadt wird mit Hilfe der omnipräsenten Kameras möglich. Die Kameras nehmen die Gesichter der Einwohner auf, übertragen Videos und Bilder an die Rechenzentren, hier werten die Big-Data-Systeme die Bilder aus. Die Analysen versuchen die Frage zu klären, ob die Einwohner glückliche Gesichter haben. Die Ergebnisse werden im nächsten Schritt auf eine Stadtkarte projiziert. Jetzt zeigt das „Mood Mapping“ den Verantwortlichen in welchen Straßen ihre intelligente Stadt gut funktioniert und ihre Aufgaben erfüllt – und in welchen Straßen es Bedarf für Nachbesserungen gibt. Huawei liefert die Mood-Mapping-App: Auf dem Monitor des IOCs erscheint das Ergebnis des Mood Mappings als „Public Satisfaction Index“.

Christian Raum,
veröffentlicht auf http://www.Silicon.de, 27. November 2017

 

 

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