Echtzeitalter – das Ende der Satelliten

Einer der Lieblingsbegriffe des 21ten Jahrhunderts ist „Echtzeit“. Gleichgültig ob die IT-Leiter Maschinen mit Menschen oder Menschen mit Maschinen oder auch Maschinen mit Maschinen kommunizieren lassen – alle legen größten Wert darauf, dass dies in „Echtzeit“ geschieht.

„Echtzeit“ bedeutet – wenn in einem Ende der Erde ein Sensor eine Temperatur oder einen Reifendruck misst, sehen die Ingenieure am anderen Ende in genau diesem Moment genau diesen Wert auf den Monitoren. Wenn dann die 150 Sensoren eines  Formel-1-Fahrzeuges diese Daten senden, werden die Ingenieure eines Teams im Sekundentakt mit Daten überschüttet.

Merces Formel1
(Bildquelle: http://www.mercedes-benz.com)

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 „Wir schicken den Datenstrom aus dem Auto direkt in unsere Fabrik und zeigen diese Informationen unseren Mitarbeitern auf deren Monitoren“, erklärt Matt Harris, Head of IT, Mercedes AMG Petronas Formula 1 Team. „Wir arbeiten mit Applikationen, die die Daten analysieren oder ergänzen – trotzdem sind alle Daten live und in Echtzeit.“

Die Idee sei, dass möglichst viele Experten gleichzeitig auf die Daten schauen „Es sind so viele Informationen. Und es sind so viel, viel mehr Informationen, als eine Person analysieren oder verstehen kann. Also haben wir für alle unsere Mitarbeiter Aufgaben festgeschrieben. Einige schauen nur auf das Getriebe, einige nur auf die Motordaten oder auf die Bremsen. Je mehr Personen auf die Daten schauen, umso detaillierter sind unsere Analysen“, sagt Harris.

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Schon früher sahen die Ingenieure anhand der Werte Defekte oder Katastrophen kommen. Sie konnten sie aber nicht verhindern. Heute können sie jederzeit ein Feedback zur Rennstrecke geben und in derselben Sekunde eingreifen.

„An der Rennstrecke und in der Fabrik sehen wir alle Daten  gleichzeitig“, unterstreicht Harris. Von der australischen Formel-1-Rennstrecke hin und zurück seien die Daten 300 Millisekunden unterwegs. Die entscheidenden Informationen sind natürlich die Telemetrie-Daten aus dem Auto. Aber das Team schickt auch Sprache, Video, E-Mails, Office Dokumente und die strategischen Anweisungen und Absprachen zwischen dem Fahrer, den Boxen, der Zentrale  in England und der Pit Wall an der Rennstrecke über diese Verbindung.

„Es gibt eine Beschränkung im Reglement, es dürfen nur 60 Techniker und Ingenieure eines Teams an der Rennstrecke sein. Aber während des Rennens können unsere Kollegen hier in der Zentrale arbeiten. Wir sparen Geld für Flüge und Hotels, unsere Ingenieure sitzen auch während der Rennen an ihren Arbeitsplätzen und Workstations.“

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Die neueste Daten-Netzwerktechnik macht diesen Strategiewechsel möglich. Noch vor zwei Jahren quälten sich die Datensätze über das Internet oder über ADSL-Leitungen. Andere Teams – wie auch die Formel-1-Veranstalter – übertrugen ihre Daten über Satelliten und damit über alle Grenzen, Konflikte, Diktaturen und Staaten dieser Erde hinweg. So gelten Satelliten häufig als beste, schnellste, zuverlässigste aber auch teuerste Art der Datenübertragung. Doch inzwischen sind die Glasfaserkabel eng geknüpft; Tata Communications hat als erster Anbieter einen Glasfaserring rings um die Erdkugel fertiggestellt.

An Stelle von Sende- und Empfangsstationen nutzen die Netzanbieter Rechenzentren – die Daten werden nicht mehr weit über die Wolken geschickt und wieder eingefangen, sondern geschmeidig unter den Ozeanen hindurchgeleitet. An Stelle von Radiowellen nutzten Glasfaserkabel das Licht. Ein Rechenzentrum in Australien schickt einen Lichtstrahl in Richtung Europa. Praktisch in derselben Millisekunde „erkennt“ das Rechenzentrum des Mercedes-Teams diesen Lichtpunkt, dechiffriert ihn und die Daten sind angekommen.

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Experten sind sicher, dass Glasfaser – und damit die Echtzeitübertragung von Daten – eine neue Ära in der Automobilindustrie einläutet. Alle Unternehmen, die die sechs- bis siebenstelligen Kosten für die Breitbandübertragung aufbringen, schicken Daten in Millisekunden rund um den Globus. Sie senden die Informationen aus jeder beliebigen Anwendung oder von jedem vernetzten Sensor direkt in den Desktop oder das Notebook der Ingenieure, der Verkäufer oder an die Smartphones der Kunden. Während die Mitbewerber Satelliten oder Internet nutzen, erhalten die Anwender der Glaserfaser-Technologie einen entscheidenden Zeitvorsprung.

Die Ingenieure sehen an den analysierten Daten, ob sie eine Komponente des Autos überarbeiten oder austauschen sollten. „Sie werden diese Komponente neu designen, sofort produzieren und an die Rennstrecke schicken. Für manchen Teile hat unser Team hat einen Turnaround von weniger als 24 Stunden zwischen Fehlermeldung und Lieferung. Das schafft keine normale Firma“, unterstreicht Harris.

Christian Raum / veröffentlicht Februar 2014

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