100 Reinkarnationen 2/2

Dai Qis winzige Armbanduhr zeigte nachts um zwei. Um sechs Uhr sollten wir in Aberdeen sein, wir beschlossen die kurze Zeit zu schlafen. Vier Stunden später bebten und zitterten und quietschten die Stahlwände. Ein Auto nach dem anderen startete den Motor und fuhr an Land. Ich kramte nach meinen Taschen, legte meinen Schlüssel auf das Bett und suchte Sickboy. Ganz unten in der MV Hrossay löste ich seine Fesseln und schob ihn in den Hafen.

((Das hier ist die Fortsetzung von 100 Reinkarnationen 1/2:
https://deutscheleitkultur.blog/2016/03/31/100-reinkarnationen-made-in-exnpop/
))

Passagiere liefen in einer langen Schlange durch den Hafen in Richtung Innenstadt. So fanden wir zum Bahnhof und ich nervte Sickboy mit Frühstück. Der wollte kein Frühstück, sondern Dai Qi.
»Warum hast Du im Schiff nicht nach ihr gesucht?«, motzte er. Und ich versuchte ihm von einem anstrengenden Abend zu berichten, den ich nicht unbedingt wiederholen wollte.
»Du hast Dir keine Mühe gegeben. Das ist der Punkt«, Sickboy hatte schlechte Laune.
HAfen8

Plötzlich lachte er: »Ach schau mal, da ist sie ja!«
Zwischen den Passagieren hinter mir erkannte ich ihre blaue Jacke und die schwarzen Haare. Wir hatten beide nicht viel geschlafen und so schauten wir uns erst mal müde an.
»Ich habe heute morgen den heiligen Julianus um ein gutes Zimmer für heute Nacht gebeten«, sagte sie grinsend. »Mal sehen wie das funktioniert.«
»Du hast gebetet?«, das hatte ich natürlich auch, kurz, beim Zähneputzen. Aber erzählt hatte ich es noch nie.

***

Meine Idee war es einen Kaffee und ein Frühstück zu finden. Sickboy willigte ein, weil sie den Vorschlag gut fand. Wir folgten einem Straßenschild zur Innenstadt, stellten uns in dem ersten geöffneten Starbucks an die Kasse.
»Die Reise in den Westen ist eine wahre Geschichte«, berichtete sie. »Xuanzang, war einer der wichtigsten Mönche in China. Er brauchte vier Jahre für den Weg nach Indien.«
Ich bestellte einen Cappuccino und suchte mir verschiedene Kekse aus. Sie zeigte auf eine Reiswaffel und fragte nach einem Glas Wasser. Wir trugen alles nach draußen zu Sickboy in die Sonne.
»Seine Geschichte war in China berühmt. Aber als die Zeit verging, wurde der eigentliche Held in den Erzählungen immer weniger interessant und merkwürdiger. Schließlich sammelte Wu Cheng‘en alle Geschichten, die man sich in China erzählte. Er ernannte Monkeyking zur Hauptperson und schrieb das Buch über die Reise nach Westen.«
Sickboy grinste.
Alle drei dachten dasselbe.
»Meinst Du, wenn jemand ein Buch über meine Reise schreibt, würde er Sickboy zur Hauptperson machen?«
»Auf jeden Fall.« Sie lachte laut und hielt sich die Hand vor den Mund. »Wenn ein Chinese die Geschichte schreibt, wird Sickboy fliegen, kochen, gegen Monster kämpfen und seinem Meister Christian Space das Leben retten.«
Sickboy wurde ein ganzes Stück größer, er glänzte in der Sonne.
»Ganz sicher wäre er der Held, nicht Du.«
Ich schwieg, sie plauderte weiter.
Sie lachte.
Ihre Augen strahlten.

***

Nach dem Frühstück legte sie Sickboy ihre Hand auf den Lenker und brachte ihn zurück zum Bahnhof. Ich folgte den beiden mit etwas Abstand. Schweigend. Dann drehte sie sich um: »Wirst Du mit Sickboy nach Indien reisen?«, und ich antwortete, »sicher, sobald wir unsere 13 Zeichen gefunden haben, machen wir uns auf den Weg und suchen eine Ratte, einen Büffel, den Tiger, den Hasen, einen Drachen und eine Schlange und ääh, äh,…«
» … Pferd, Schaf, Affe, Hahn, Hund …
»… und ein Zauberschwein. Die Buddhas kümmern sich um unser Karma und Euer Vorsitzender lädt Sickboy und mich ein. Wir bringen ihm etwas Schönes mit von den Buddhas und beraten ihn dabei, seine Zeichen zu finden.«
Sie wechselte das Thema und sprach über ihren Weg zu den Äußeren Hebriden. Sie zeigte irgendwo hin.
»Seht Ihr dort? Das ist mein Bus nach Glasgow. Schön, dass wir uns getroffen haben. In China sagt man, es braucht einhundert Reinkarnationen, damit zwei Menschen zusammen auf einem Schiff reisen.«
»Dann suchen wir uns aber schon sehr lange.«
»Geduld ist ja eine Tugend der Schlangen.«
»… und eine der Steinböcke …«
Wir hatten nicht gelernt, wie Chinesen und Europäer sich von einander verabschiedeten.
Wichtiges Wissen das uns fehlte.
So schwiegen wir.
Sie schrieb mir einen kleinen Zettel mit einer E-Mail Adresse, und bat mich um ein Foto mit ihr und Sickboy. Dann rannte sie zum Bus nach Glasgow.
Plötzlich waren wir alleine.

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