Wohin gehen unsere Autos wenn sie sterben?

Eine Autovermietung legt mehrere hundert Fahrzeuge ihrer Flotte endgültig still. Laut Gesetz müssen die Hersteller der Autos sicherstellen, dass die Fahrzeuge zu 85 Prozent recycelt und wiederverwertet werden. Dies ist kein Problem für die Dienstleister der OEMs – Altstoff-Spezialisten wie Demontagebetriebe und Schredderanlagen. Sie erhalten vorab eine Liste der Fahrzeuge und können auf Unterlagen und Datensätze aus den Produktionsdaten und Anweisungen zur Zerlegung der Fahrzeuge zugreifen.

Nur knapp ein Sechstel der stillgelegten Fahrzeuge werden demontiert
Nur knapp ein Sechstel der stillgelegten Fahrzeuge werden demontiert

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Und idealerweise sehen sie in die Archivsysteme und Dokumentationen des Flottenmanagements – hier erhalten sie eine Auswertung über die ausgemusterten Autos. Wie viele Kilometer ist welcher Motor gelaufen, wie ist der Zustand der Reifen, Sitze oder Achsen?

Ab dann steht die automobile Welt Kopf; die Fließband-Montage läuft rückwärts und auch die Supply Chain bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Obwohl innerhalb der Branche nur sehr wenige Verantwortliche über die Demontage ihrer Produkte sprechen möchten, ist der gesamte Prozess so gut organisiert und auch IT-technisch so gut abgebildet, wie die Produktion der Fahrzeuge.

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Der entscheidende Unterschied ist, dass hier alle großen Konzerne an einem Strang ziehen. Während bei Logistik, Materialfluss und Montage der Fahrzeuge die Informationstechnologie jedem Unternehmen einen möglichst individuellen Vorsprung im Wettbewerb verschaffen soll, nutzen die Hersteller bei der Wiederverwertung einen gemeinsamen IT-Strang und gemeinsame Datenbanken.

Das Rückgrat für die Verwertung bildet das weltweite IMDS-Datenarchiv. Das von dem gleichnamigen IMDS-Konsortium betriebene Archiv-, Austausch- und Verwaltungssystem listet auf mehr als 40 Millionen Datenblättern sämtliche Teile von Fahrzeugen unter umweltrelevanten Aspekten auf. Alle Automobilhersteller und mehr als 100.000 Zulieferer haben Zugriff, um die Daten upzudaten und zu ergänzen – und Anweisungen und Vorgaben für die umweltgerechte Demontage und Entsorgung zu geben. Die Datenbank liefert den Demontagebetrieben Informationen über die Wertstoffe, die in allen Fahrzeugkomponenten verwendet werden – und wie die Mitarbeiter Fahrzeuge auseinander bauen sollten, um an diese Wertstoffe zu gelangen.

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Keine Frage: Die Demontagebetriebe schließen den Lebenszyklus der Fahrzeuge. Mehr als 85 Prozent des Fahrzeuggewichtes werden verbrannt, verwertet, neu verbaut und dann in einigen Jahren erneut recycelt. Ab dem kommenden Jahr soll diese Quote auf 95 Prozent steigen.

So haben es die verantwortlichen EU-Politiker in der Rahmenrichtlinie 2000/53/EG festgelegt. Die Brüsseler Beamten verpflichten die Hersteller, ausrangierte Autos zurückzunehmen. Doch damit nicht genug – die OEMs haben dafür Sorge zu tragen, dass sie selbst das gesamte Rücknahmesystem betreiben, um Fahrzeuge zu recyceln, Teile und Stoffe wiederzuverwenden.

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Einige Konsequenzen sind unmittelbar zu sehen – so haben die Folgen der Richtlinie die Gesichter vieler europäischer Industriegebiete verändert. Die alten „Schrottplätze“ stammen aus einer anderen Zeit, viele Menschen kennen sie nur aus historischen Kinofilmen: Jeder Platz für sich war eine ökologische Katastrophe aus hoch gestapelten Autowracks, mit Öllachen zwischen Bergen aus Motoren, Achsen und Autoreifen. Heute sind die meisten Verwerter Hightech-Betriebe, gemanagt von IT-Systemen, vernetzt mit den OEMs und unter ständiger Kontrolle des Umweltbundesamtes. Dessen Aufgabe ist es, im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, die Betriebe und ihre Effizienz zu prüfen und zu dokumentieren.

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Doch wie effizient ist die Altautoverwertung? Bundesamt und Ministerium unterlegen alle 12 Monate in ihrem „Jahresbericht über die Altfahrzeug-Verwertungsquoten“ die Rahmenrichtlinie mit harten Zahlen und Fakten. So zählten sie im Jahr 2012 insgesamt 1.235 Demontagebetriebe sowie 62 Schredderanlagen. Gemeinsam verarbeiteten diese Firmen 476.601 Autos mit einem Gesamtgewicht von 475.719 Tonnen. Allerdings erklärt das Bundesamt, dass die späten Auswirkungen der sogenannten „Abwrackprämie“ die Statistik verfälschen. Denn im Jahr 2012 stammten alleine 55.000 verwertete Fahrzeuge noch aus dem Jahr 2009.

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Und jenseits von Recycling, Umweltschutz und Verwertungsquoten gibt es noch eine zweite Wahrheit – der letze Weg der allermeisten Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen führt eben nicht über Demontagebänder und Schrottpressen. Laut den aktuellsten Zahlen – dem „Jahresbericht über die Altfahrzeug-Verwertungsquoten in Deutschland im Jahr 2012“ – werden lediglich knapp ein Sechstel der mehr als drei Millionen endgültig stillgelegten Fahrzeuge demontiert. Der Verbleib von mehr als einer Millionen Autos sei laut Umweltbundesamt statistisch nicht erfasst.

Christan Raum / veröffentlicht im November 2014

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