Industrie 4.0 – Autoindustrie „muss im laufenden Rennen Reifen wechseln“

Wenn die Unternehmen in der Automobilindustrie in Zukunft erfolgreich sein möchten, geht es nicht mehr darum den Verbrennungsmotor durch Elektroantrieb auszutauschen oder die IT-Systeme im Auto mit Sensorik und Flottenanbindung zu unterstützen. Jeder Prozess und jede IT-Installation kommen auf den Prüfstand. Für die Industrie-4.0-Systeme der Autoindustrie schreiben Softwareentwickler Millionen Zeilen Code neu, testen, implementieren und setzen Prozessketten neu auf. Eine Herkulesaufgabe, bei der die Startups nach Meinung von Tom Kirschbaum, Mitglied des Vorstandes und Sprecher der Fachgruppe Future Mobility im Bundesverband Deutsche Startups eine Schlüsselrolle übernehmen.

Tom Kirschbaum
Tom Kirschbaum, Bundesverband Deutsche Startups

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Wie viel Software wir die deutsche Automobilbranche benötigen, um den Umstieg von den heutigen Prozessen und Geschäftsmodellen auf die neuen Industrie-4.0-Prozesse zu schaffen?

Tom Kirschbaum: Darüber liegen uns keine Zahlen vor. Aber für mich ist völlig klar, dass die Automobilindustrie von A bis Z auf den Kopf gestellt wird. Nahezu jeder Bereich der Industrie muss neue Software-Lösungen integrieren Von der Produktion über den Vertrieb bis zur Werkstatt stehen alle Prozesse vor massive Veränderungen. Deswegen ist es für mich klar – in jedem Bereich der Automobilindustrie wird neue Software zum Einsatz kommen. Überlegen Sie – ein großer Teil der Lösungen, die jetzt im Einsatz sind stammen aus einer Zeit, in der es kein Internet gab. Oder sie wurden aufgebaut, als die Konnektivität wie wir sie heute haben gar nicht denkbar war.

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Welche Rolle spielen dabei die traditionellen Hersteller wie SAP, IBM, HP, T-Systems, &c.– und welche Aufgaben sehen Sie für die Startups, die Sie vertreten?

Kirschbaum: Die etablierten Hersteller haben einen Vorteil, weil sie in den Systemen der OEMs integriert sind. Außerdem sie sind eng mit der Industrie vernetzt. Aber das hat auch Nachteile. Etwa weil die Systeme über Jahrzehnte gewachsen sind, ist deren Modernisierung mit gravierenden Veränderungen verbunden. Die Frage ist doch, ob SAP ein System mit dem der Kunde seit zehn oder fünfzehn Jahren arbeitet von rechts auf links drehen kann oder drehen möchte? Aus Sicht unseres Verbandes sind die OEMs gut beraten, nicht nur mit den etablierten Herstellern zu reden. Sie möchten wirkliche Veränderungen herbei führen? Dann sollten sie mit denjenigen sprechen, die keinen Ballast aus Jahrzehnten mit sich herumschleppen. Das Interesse eines Startups ist es eben nicht, die 16te oder 18e Version einer Software zu installieren. Sie geben den OEMs die Möglichkeit bei null anzufangen.

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Können die etablierten Hersteller überhaupt die für Industrie 4.0 notwendige Software anbieten?

Kirschbaum: Da bin ich mir nicht sicher. Bedenken Sie, die großen IT-Hersteller sind selber Gegenstand der Disruption. Wenn auf der Kundenseite ein Unternehmen steht, dass Gegenstand der Disruption ist und auf der Herstellerseite kämpfen die Unternehmen mit denselben Herausforderungen – dann sind die Probleme potenziert. Ein unbelasteter Akteur kann ganz anders und viel besser handeln

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Sehen Sie, ob es bei den OEMs bereits strategische Entscheidung für Industrie-4.0-Konzepte und für eine Zusammenarbeit mit den Startups gibt?

Kirschbaum: Ich sehe, dass sich die OEMs in allen Bereich strategisch den Startups öffnen. ‚Strategisch‘ heißt, dass wir nicht nur über eine Kundenbeziehung reden. Die OEMs investieren in die Startups und akquirieren Unternehmen. Aus meiner Sicht ist ein starker Indikator dafür, dass die Übernahme von bestehenden Lösungen immer wichtiger wird. In den USA sind Ford und General Motors sehr aktiv, seit Anfang des Jahres haben sie mehr als zwei Milliarden Dollar in Startups investiert. Und inzwischen investieren auch die Deutschen OEMs in Startups. Das ist für mich ein starker Indikator, für die strategische Öffnung der OEMs für die Startups.

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Wie groß sind in Deutschland und den USA die Unterschiede bei der Höhe der Investitionen? Werden in Deutschland dieselben Beträte aufgerufen?

Kirschbaum: Ganz selten. Wir sehen, dass ein großer deutscher OEM in eine Mobilitätsplattform 300 Millionen Dollar investieren wird. Ich hoffe, dass das der Beginn einer sehr guten Zusammenarbeit zwischen OEMs und Startups ist. Was die Industrie aus meiner Sicht wirklich braucht ist die Erkenntnis, dass Forschung und Entwicklung nicht nur von den eigenen Forschern betrieben wird. Ein großer Teil von Forschung und Entwicklung kommt aus anderen Unternehmen, an dem sich OEMs beteiligen oder die sie übernehmen. Dafür sind die genannten Beträge angemessen; diese Richtung stimmt.

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Ist es nach Ihrem Wissenstand und Ihren Informationen für die OEMs überhaupt möglich die alten Verträge mit den traditionellen IT-Anbietern zu beenden und auf neue Anbieter wie Startups zu wechseln?

Kirschbaum: Meiner Meinung nach werden die Probleme in den Prozessen liegen und nicht in rechtlichen Fragen. Denn die Prozesse sind auf die bestehenden Systeme ausgelegt und die OEMs müssen praktisch im laufenden Rennen den Reifenwechsel machen. Deshalb ist ein pragmatisches Vorgehen wichtig.

Christian Raum, veröffentlicht in AUTOMOTIVE IT/ Juni 2016

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