STARTUPS bringen das Ende des Benzinmotors

Streetscooter_Post_Flotte_2016Die Verantwortlichen der  Automobilindustrie sehen sehr deutlich das Ende ihrer alten Geschäftsmodelle. Der Verbrennungsmotor wird durch den Elektroantrieb abgelöst. Elektromotoren werden viel sauberer, leiser und gesünder Fahrzeuge und Menschen bewegen. Und die Hersteller werden ihr Geld nicht mehr mit Leasing und Finanzierung der Fahrzeuge verdienen – sondern mit Servicemodellen und Vermietung. Gleichzeitig werden sie die Produktion digitalisieren und sie mit Big-Data-Systemen steuern. Doch der große Widerspruch in der Zukunft des Automobils ist, dass die riesigen Konzerne – Hersteller, Softwareanbieter, Zulieferer – keine Ahnung haben, wie sie diese Zukunft technologisch, konzeptionell oder organisatorisch gestalten sollen. Deshalb verlassen sie sich auf Startups, in einige investieren sie astronomische Summen.

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Seit 2013 werden im ehemaligen Talbot-Werk in Aachen wieder Fahrzeuge produziert. Der Mini-OEM StreetScooter startete als Spinoff der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule – „RWTH“ – Aachen, Ziel war es, „wirtschaftliche Elektroautos“ zu produzieren. Als ersten Kunden konnten die Aachener die Deutsche Post DHL gewinnen. „Die Zusammenarbeit mit StreetScooter begann im Jahr 2011 mit der Entwicklung eines auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenen Elektrofahrzeugs“, bestätigt ein Sprecher der Deutschen Post DHL. Der größte Teil der in Aachen produzierten Fahrzeuge käme bis zum Ende diesen Jahres als Teil der Elektroflotte im Rahmen des Pilotprojekts „CO2-freie Zustellung Bonn“ zum Einsatz. Seit Dezember 2014 ist der Aachener Startup eine Tochtergesellschaft der Deutschen Post DHL: so wurde der Logistikkonzern zum Produzenten seiner eigenen Fahrzeuge.

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Im Rahmen des „GoGreen Programms“ habe sich das Unternehmen das Ziel gesetzt als erster Logistikdienstleister ein konkretes Klimaschutzziel umzusetzen. „Bis zum Jahr 2020 soll die CO2-Effizienz gegenüber 2007 um 30 Prozent verbessert werden. Dazu nutzen wir eine effizientere Steuerung der Verkehrsströme, die Modernisierung der Transportflotte und arbeiten mit erneuerbaren Energiequellen.“ Aus der Umgebung der RWTH Aachen heißt es, die Postler hätten die Zusammenarbeit mit der Hochschule gesucht, weil keiner der großen OEMs geeignete Fahrzeuge liefern konnten.

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Jacob van Zonneveld
Jacob van Zonneveld

„Die großen Autohersteller haben ein Problem, weil sie immer nur auf den Verbrennungsmotor gewettet haben, sie haben Produktionslinien aufgebaut, die sehr teuer sind und die sie immer weiter auslasten müssen“, analysiert Jacob van Zonneveld, Geschäftsführer des Berliner Startups Plugsurfing. „Aber dieses ganze Geschäftsmodell wird nicht mehr lange funktionieren, weil Elektroenergie, neue Produktionsmethoden und Internet-Konnektivität die Welt verändern.“

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Tatsächlich haben große Konzerne damit begonnen Startups, deren Know-how, deren Marktanteile und auch deren Mitarbeiter aufzukaufen. Allerdings gibt es niemand, der diese Entwicklung beobachtet, Zahlen sind nicht verfügbar, die Experten diskutieren kontrovers über die Entwicklung. So sagt Tom Kirschbaum, Sprecher der Fachgruppe Future Mobility beim Bundesverband Deutsche Startups, er sehe, dass sich OEMs in allen Bereich strategisch den Startups öffnen. „‚Strategisch‘ heißt, dass wir nicht nur über eine Kundenbeziehung reden. Die OEMs investieren in die Startups und akquirieren Unternehmen. Aus meiner Sicht ist ein starker Indikator dafür, dass die Übernahme von bestehenden Lösungen immer wichtiger wird.“ Van Zonneveld, der ebenfalls als Sprecher die Fachgruppe Future Mobility vertritt, widerspricht dieser Darstellung: „Hier kann ich deutlich sagen: Nein! Die OEMs sehen die Startups als Investmentmöglichkeit, aber nicht um strategisch Produkte einzubinden oder die Digitalisierung der Dienstleistungen zu verbessern.“ Die OEMs hätten Angst vor der Digitalisierung und „wissen auch nicht genau was Digitalisierung bedeutet“. Für van Zonneveld ist klar: „Deswegen bedrohen die Service orientierten Unternehmen wie Tesla und Apple die gesamte deutsche Auto Industrie.“

Tom Kirschbaum
Tom Kirschbaum

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Ist das so? Daimler nimmt für sich in Anspruch, eine ausgefeilte Strategie beim Umgang mit Startups zu verfolgen. Das Unternehmen arbeite mit einer ganzen Reihe von Startups in verschiedenen Feldern und allen in wichtigen Regionen zusammen, unterstreicht Susanne Hahn, Leiterin Daimler Business Innovation. „Mit manchen kooperieren wir, in manche haben wir investiert, dazu zählt Tiramizoo. Manche haben wir übernommen und erfolgreich weiterentwickelt. Zusätzlich haben wir erfolgreiche interne Startups wie Car2go und Moovel aufgebaut.“ Zudem habe Daimler es sich zum Ziel gemacht, die Region Stuttgart stärker zum Ballungszentrum für Innovation und Erfindergeist zu entwickeln und kooperiere mit dem Accelerator „Plug & Play“ aus Silicon-Valley und der Universität Stuttgart. Hahn nennt acht Beteiligungen oder Übernahmen von Startups. Offensichtlich ist bei Daimler die Strategie auf Mobilität, Flottenmanagement und Sensorik ausgerichtet. Doch schränkt Hahn ein, dass diese Liste unvollständig sei, die genaue Zahlen lägen unter Verschluss. Allerdings zeigt die Liste, dass Daimler auf vernetzte Fahrzeuge und Mobilität zielt. Bei einem anderen, entscheidenden Thema spielen die Startups keine Rolle: dem Umbau und der Neuausrichtung von Produktion, Vertrieb oder Engineering auf Industrie 4.0.

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Ganz anders ist die Situation in den USA. Hier investieren die OEMs in Startups und in deren neue, auf Industrie 4.0, Disruption und Internet ausgerichtete Software. Allein General Motors und Ford haben angekündigt, mehr als zwei Milliarden Euro in neue Startups zu investieren. Viele OEMs haben erkannt, dass sie für die neuen „disruptiven“ Prozesse neue Software, neue Entwicklungsumgebungen und

Marcy Klevorn
Marcy Klevorn

neues Know-how benötigen. Ein Unternehmen, das genau davon profitiert, wird auch bei deutschen OEMs hoch gehandelt – das kalifornische Startup Pivotal. Und die Unternehmen, die auf die Cloud-Lösungen von Pivotal setzen, wetten sehr hoch. Dem aktuellen Umsatz im Jahr 2015 von weniger als 100 Millionen Dollar stehen allein von Microsoft und Ford mehr als 253 Millionen Investment im Jahr 2016 gegenüber. Gleichzeitig mit dem Kauf der Anteile hat Fords CIO Marcy Klevorn eine Position im Vorstand des Startups übernommen.

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Auch in Deutschland hoffen OEMs mit Hilfe von Pivotals Technologie den Sprung in die neue Industriewelt zu schaffen. „Pivotal unterstützt uns mit mehr als 20 Experten und trainiert sie in neuen Methoden der Softwareentwicklung“, sagt Volkswagen Konzern CIO, Martin Hofmann. „Wir wollen diese Kompetenzen und Arbeitsabläufe im Konzern und in Deutschland fest verankern. In unseren Labs in Berlin, München und San Francisco werden mittelfristig über 600 Programmierer, Data Scientists, Design Thinking-Experten und Cloud-Architekten arbeiten.“

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Inzwischen geht es also nicht mehr darum, den Verbrennungsmotor durch den Elektroantrieb auszutauschen oder die IT-Systeme im Auto mit Sensorik und Flottenanbindung zu unterstützen. Jeder Prozess und jede IT-Installation innerhalb des Unternehmens kommen auf den Prüfstand. Dafür müssen die Softwareentwickler Millionen Zeilen Code neu schreiben, testen, implementieren und die Prozesse parallel dazu aufsetzen. Eine Herkulesaufgabe, bei der die Startups laut ihrem Verbandssprecher eine Schlüsselrolle übernehmen könnten. „Denn die großen IT-Hersteller sind selber Gegenstand der Disruption“, gibt Kirschbaum zu bedenken. „Wenn auf der Kundenseite ein Unternehmen steht, dass Gegenstand der Disruption ist und auf der Herstellerseite kämpfen die Unternehmen mit denselben Herausforderungen – dann sind die Probleme potenziert. Ein unbelasteter Akteur kann ganz anders und viel besser handeln.“

Christian Raum / veröffentlicht in AUTOMOTIVE IT; Juni 2016

 

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