Pivotal verkauft Startups aus der Cloud

Die Autohersteller vertrauen auf Pivotal. Für die Kalifornier sieht es so aus, als surften sie auf genau der Analytics-Welle, auf die die anderen IT-Hersteller ungeduldig warten. Die europäische Zentrale der EMC-Tochter  liegt mitten in Londons „Tech City“; einer neue Stadt pivotal-london-4für Informationstechnologie.

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Tatsächlich hat die englische Hauptstadt in diesem Jahr Berlin den ersten Platz als Start-Up-Zentrum abgejagt. Gründerzeitbauten und Backstein gegen Glas und Stahl, die Konkurrenten Berlin und London können nicht unterschiedlicher sein. Die chaotische hektische Weltmetropole gegen die verschlafen gemütliche deutsche Hauptstadt. Die von vielen wegen des Brexit totgesagte Megastadt gegen das – angeblich – neue politische und wirtschaftliche Zentrum der EU.

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Im Ernst&Young Startup Barometer ist Berlin auf den vierten Platz zurück gefallen, London hat die Spitzenposition als Europas Startup Hauptstadt übernommen. Quelle: Ernst&Young
Nach dem „Eine-Milliarde-Euro-Pizzaservice-Boom“ im ersten Halbjahr 2015 (graue Balken) ist Berlin auf den vierten Platz zurück gefallen. London hat im ersten Halbjahr 2016 (gelbe Balken) die Spitzenposition als Europas-Startup-Hauptstadt übernommen. Quelle: Ernst&Young

Anders als in Berlin sind in der Tech City die IT-Giganten an jeder Ecke präsent und unterstützen die neuen, kleinen Unternehmen. Sie sind Mentoren, Investoren und auch selbst Gründer. Intel, Cisco, BT, EMC haben eigene Labs aufgebaut, in denen sie neue Technologien und Geschäftsmodelle entwickeln, ausprobieren und für den weltweiten Einsatz in vielen Millionen Geräten oder Sensoren skalieren. Im Herbst 2016 gilt London auch für die US-amerikanischen Startups als das wichtigste Sprungbrett auf den europäischen Markt.

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Eines dieser Startups ist Pivotal. Mit ihren Londoner Labs belegt die EMC-Tochter zwei Etagen gleich um die Ecke des U-Bahnhofs Old Street – im Herz von Tech City.

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So sieht also die mit mehreren hundert Millionen Dollar Investorengeldern unterstütze Disruption in der IT-Welt aus: Die Entwickler arbeiten in Teams. Alle Teams sitzen gemeinsam in einem offenen Raum. An Stellwänden hängen Diagramme, die Porträtaufnahmen der Mitglieder der Teams, Post-it-Zettel. Pivotal bietet Mitarbeitern und Kunden Sofa- und Sitzecken, eine große Küche und einen Raum für das gemeinsame Frühstück, mit dem hier jeder Tag beginnt.

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Die Entwickler von Pivotal und der Kunden sitzen Schulter an Schulter. Das Gespräch von allen mit allen ist ausdrücklich erwünscht, zwischen den Teams soll ein stetiger Austausch stattfinden. Jedes mögliche Problem soll hier im Lab besprochen und gelöst werden. Alles ist offen, ruhig, geschäftig, konzentriert.

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Ich bin aus Berlin gekommen, um mit dem Director EMEA Central Michael Ramsperger zu sprechen. In Berlin sind unsere Büros etwa 20 Minuten voneinander entfernt. In London dauert alleine der Weg von meinem Hotel in die Nähe der Pivotal Labs knapp zweieinhalb Stunden. U-Bahn Ausfälle, geschlossene Stationen, Umwege, ich gehe im täglichen Londoner Verkehrswahnsinn verloren.

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Ramsperger ist gar nicht erst gekommen. Seit er vor etwa 18 Monaten seine Position übernommen hatte, hat er für Pivotal eine lange Kunden- und Projektliste aufgebaut. Volkswagen, Daimler, Allianz, BMW, Bosch, Opel und noch einige andere Namen zählt er im Gespräch auf. Auch jetzt ist er wieder auf dem Weg zu einem Kundentermin. Also sitze ich allein im Londoner Besprechungsraum und telefoniere mit meinem Berliner Nachbarn.

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pivotal-london-1Mit großem Erstaunen und Neugier beobachten Mitbewerber und Kunden die Erfolge Pivotals. Jeder Auohersteller hat mindestens ein ERP-System, in das die Big-Data-Software integriert und deren Lizenzen bereits gezahlt sind. Trotzdem bleiben diese Systeme häufig ungenutzt auf den Cloud Servern liegen. Die OEMs vertrauen offensichtlich eher Pivotal – und für die Kalifornier sieht es so aus, als surften sie auf genau der Analytics-Welle, auf die die anderen IT-Hersteller ungeduldig warten.

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Doch tatsächlich lief es anfangs auch für EMC nicht gut, gibt Ramsperger zu. Das Unternehmen hatte ein Big-Data-System auf den Markt gebracht. Doch dieser neue Geschäftszweig habe „eher schlecht funktioniert“, erinnert sich Ramsperger. „EMC hat im Markt nicht die Reputation für die Geschäftsprozesse seiner Kunden Knowhow zu haben. Seit Pivotal auf dem Markt ist, hat sich das um 180 Grad gedreht. Wir sind heute gesuchte Ansprechpartner für Firmen.“

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Pivotal wirkt wie eines dieser Startups aus der Retorte, das von seinen Gründern nach einer Checkliste zusammengebaut wurde: EMC übergab die Big-Data-Plattform an eine Open-Source-Foundation. Die im Jahr 2012 von EMC übernommenen Pivotal Labs wurden zum Kern des neuen Unternehmens. EMC und VM Ware statteten das Baby mit Geld und Assetts aus und hoben das Startup „Pivotal“ aus der Taufe. „Pivotal ist EMC weitergedacht – es geht nicht mehr nur darum, die Daten zu speichern, sondern mit den Daten zu arbeiten und Mehrwert zu schaffen“, sagt die Stimme aus dem Telefon.

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Ich lehne mich zurück und frage ins Telefon, ob Pivotal tatsächlich ein „Startup“ sei und in der Leitung herrscht kurzes Schweigen.

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„Unsere Vorstellung eines Startups bedeutet extrem schnell zu programmieren, die Wünsche der Kunden in den Mittelpunkt zu stellen und die alte Logik der Projektgeschäfte zu brechen.“ So nenne Pivotal auch Google, Uber oder Facebook „Startups“. Und Ramsperger führt diesen Gedanken weiter aus. Jedes Unternehmen könne Startup sein. Genau hier liegt der Schlüssel zum Erfolg in der deutschen Automobilindustrie: „Wir helfen unseren Kunden dabei, wieder Softwareentwickler zu werden. Sie sollen mit den Unternehmen aus dem Silicon Valley konkurrieren können.“

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Pivotals Versprechen sei es, dass jedes Unternehmen ein Silicon-Valley-Unternehmen werden könne. Dafür müssten die Unternehmen vor allem lernen, was im Internet-of-Things-Zeitalter Geschwindigkeit bedeute. „Denn Geschwindigkeit ist eine Kernkompetenz der Startups.“

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Ramspergers Angebot an die OEMs sei die Implementierung der Pivotal Plattform und die Nutzung der Pivotal Labs. „Dabei ist die Rolle der Pivotal Labs nicht nur die Produktentwicklung und die Produktprogrammierung. Sie sind unser Instrument für den Wissenstransfer von Pivotal zu seinen Kunden.“

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Dafür sei es auch höchste Zeit. Mobilitätsanbieter wie Uber oder Logistikunternehmen wie Amazon seien den Automobilherstellern weit voraus. „Es wird fünf bis sieben Jahre dauern, bis sie diesen Vorsprung wieder einholen. Falls sie heute mit dem Aufholen anfangen.“ Um die Automobilindustrie für diese Jagd fit zu machen, dreht Pivotal das Startup-Geschäft einfach um. Die OEMs brauchen in Zukunft nicht mehr mit Startups oder Systemhäusern zu arbeiten – ganz einfach weil sie sich selbst zu einem Startup wandeln.

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„Das Frontend – also die mobilen Applikationen und die Websites – müssen die Unternehmen künftig als ihre Kernkompetenz ansehen. Sie sind so wichtig wie der Motor. Unsere Kunden sehen die Entwicklung und Programmierung dieser Systeme als ihr strategisches Knowhow, mit dem sie gegen Google oder Uber antreten. Wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen, sind sie gezwungen, dieses Wissen im eigenen Haus zu haben.“ Auch deshalb, weil mit dem Wissen ein fundamentaler Wandel angestoßen werde. „Mit dem Startup-Knowhow kommen eine neue Kultur, neue Konzepte und neue Maßstäbe in die Unternehmen.“

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In Zukunft sei der Kunde das Zentrum von allem Interesse und allen Prozessen, die neuen Systeme seien so flexibel, dass alles, was der Kunde nicht annimmt, unmittelbar ausgetauscht werden könne. Ramspergers Stimme aus dem Telefon baut eine neue, schillernde IT-Welt aus Pivotal Algorithmen und Marketingmodellen auf. In deren Zentrum steht die Pivotal Plattform mit den kundenspezifischen Frontends und einer EMC-Storage-Umgebung. Ramspergers Eckpunkte sind Wissen, Geschwindigkeit und die ständige Analyse der Kundendaten. Das Ziel der Unternehmen sei es, so zu sein, so zu fühlen und so zu arbeiten wie ein Silicon-Valley-Startup.

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„Mit uns setzen die Kunden das Silicon-Valley-Feeling um. Bei uns ist das quasi mit in der Packung: Dazu zählen kundenzentriertes Arbeiten, die täglichen Verbesserungen der Systeme und somit die ständige Weiterentwicklungen des digitalisierten Unternehmens.“

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Er spreche von der Disruption der IT-Welt. Und nur wer diese Disruption mitgehe, könne die Disruption in seiner jeweiligen Industrie beherrschen.

Christian Raum / veröffentlicht in CAR IT, 4/2016

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