Bordcomputer fressen Seelen

BOSCH: Fertigung von Halbleitern für Vernetzte Fahrzeuge
BOSCH: Fertigung von Halbleitern für Vernetzte Fahrzeuge

Für viele Menschen ist das Verhältnis zu ihrem Auto hoch emotional. Häufig betrachten sie es als einen geschützten Raum, in dem sie sich von der Welt zurückziehen. Für viele ist es ein Mittel, um lässig gegen Regeln wie Geschwindigkeitsbegrenzung und rote Ampeln zu verstoßen. Keine Frage – der deutsche Autofahrer ist ein Idealist und häufig auch ein Träumer. Doch im echten Leben ist das Fahrzeug ein Investitionsobjekt der Leasingbanken. Für die Versicherung ist der Fahrer ein ständiger Risikofaktor. Werkstätten können nur dann ihre Umsatzvorgaben erfüllen, wenn der Kunde in den vorgegebenen Intervallen vorspricht. Und die Intention eines Flottenmanagers ist es, den gesamten Fuhrpark möglichst ohne Verschleiß und Schäden über die Zeit zu retten.

 

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Deshalb nehmen sie jetzt alle gemeinsam die Idealisten an die elektronische Leine. Dafür verlässt über den Bordcomputer ein stetiger Datenstrom die Fahrzeuge. Irgendwo hinter dem Armaturenbrett sitzt der kleine digitale Helfer und sammelt Daten aus Messgeräten und Sensoren, aus Internetanwendungen und Apps. Sein Gegenstück ist – mindestens – ein Rechenzentrum, das gleichzeitig zehntausende Datenströme entgegennimmt, bündelt und auswertet.

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Der Bordcomputer meldet, ob der Fahrer „vernünftig“ fährt oder ob er riskant unterwegs ist. Ob der Fahrer den flachen Weg durch die Ebenen wählt oder die steinigen Straßen durch die Berge. In den Rechenzentren arbeiten die Big-Data-Anwendungen an der Auswertung dieser Daten – die aus ihrer Sicht „vernünftige“ Fahrweise werden sie über kleine Boni und Rabatte bei den Versicherungs- oder Leasingprämien belohnen. Riskante Fahrstile dagegen mit zusätzlichen Kosten abstrafen.

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Experten sehen die Vernetzung der Fahrzeuge als die wichtigste Innovation der letzten Jahre. Doch es gibt deutliche Zweifel, ob sie auf die Zeit nach der Digitalisierung ihrer Produkte gut vorbereitet sind. Eine Rundmail an verschiedene Hersteller mit der Frage, welche Daten sie denn aus den Fahrzeugen übertragen wollten, wurde von den meisten Verantwortlichen höflich ignoriert – oder vertraulich mit „Hintergrundinformationen“ beantwortet. Das sogenannte „Internet of Things“ sei mittlerweile Realität, schrieb ein deutscher Premiumhersteller und weiter: „Die Welt ist vernetzt, unsere Geräte sind ‚always on‘. Der Austausch von Daten rund um die Uhr ist Normalität geworden. Früher trugen wir Bilder unserer Familie im Geldbeutel, heute haben wir ganze Fotoalben in der Cloud.“

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Für die Hersteller ist es jetzt Zeit zum Handeln. Im Moment rüsten sie Fahrzeuge mit Bordcomputern, Schnittstellen für Mobilfunk und SIM-Karten aus. Schon in den nächsten Monaten werden die Daten aus diesen Systemen wie eine Welle über die Autohersteller, die Zulieferer und ITK-Anbieter hereinbrechen. Das größte Problem: die rechtliche Situation ist völlig ungeklärt. Niemand kann verbindlich sagen, wer die Daten analysieren und wie verarbeiten darf. Und es gibt scheinbar nicht einmal eine Auflistung der Daten, die demnächst über Millionen Bordcomputer die Mobilfunknetze fluten. Gleichzeitig wird die Schlange derjenigen Unternehmen, die Anspruch auf die Daten stellen immer länger. An erster Stelle stehen die Autobanken, die als Eigentümer von Millionen Fahrzeugen völlig selbstverständlich auch die Daten aus deren Bordcomputern als ihr Eigentum betrachten.

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Gleich an zweiter Stelle folgen die Versicherungen. Alle Fahrer, die ihren Fahrstil überwachen lassen, zahlen künftig weniger für die KFZ-Versicherung. Und auch die klassischen Anbieter von Internetdiensten möchten ihre Angebote in die Bordcomputer bringen und sich ihr Stück vom großen Datenkuchen abschneiden. Sie installieren Apps für Kartensysteme, Navigation, Suchmaschinenfunktionen, Kreditkartenzahlung oder Hotelreservierung auf Smartphone und in Bordcomputern. Auf dem umgekehrten Weg erhalten sie Daten von Arbeitswegen, Reiserouten und -zeiten, mit denen sie die Profile ihrer Kunden ergänzen und vervollständigen.

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All das klingt nach einer schönen und neuen Welt. Doch am Ende könnten die Autofahrer die großen Verlierer sein. Die Bordcomputer machen sie durchsichtig, ihre Leben langweilig. Denn sie nehmen ihnen das Vergnügen am dynamischen Fahren und an vielen kleinen Regelverstößen. Vielleicht ist die Telematik für viele Techniker, Banken- und Versicherungsmitarbeiter eine äußerst spannende Technologie. In der Realität wird sie unsere Leben langweiliger machen und den Standort Deutschland als emotionale Autonation in Frage stellen.

Christian Raum/ Veröffentlicht im Magazin Automotive IT/ 2013

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